Seit 2011 gibt es Überlegungen, Ideen und Pläne für die Entwicklung der Innenstadt, nachdem die Entwicklung des vorwiegend touristisch genutzten Gebiets am Alten und Neuen Hafen unter dem Begriff „Havenwelten“ im Wesentlichen abgeschlossen war. Deshalb scheint es sinnvoll zu sein, sich anhand der abgegebenen und öffentlich zugänglichen Gutachten und Studien kursorisch die Diskussionen über die Innenstadtentwicklung vor Augen zu führen:
o 2011 gab es das von Dr. Lademann & Partner gefertigte Gutachten zur „Perspektive der Einzelhandelsentwicklung in der Seestadt Bremerhaven“, das sich im Wesentlichen mit dem Zentrum Bremerhavens und den Nebenzentren der Stadt befasst. Stadtentwicklungspolitische Aspekte werden darin weitgehend ausgeblendet.
o 2013
und 2014 gab es zwei umfangreiche Studien von Latz + Partner zur Verknüpfung der Havenwelten mit der Innenstadt sowie von Geestemünde und
Lehe mit der Innenstadt. Der Schwerpunkt lag auf der Verbindung von Innenstadt und Havenwelten, wobei eines der Ergebnisse die Empfehlung war, die Linearität der Rasterstadt, die Bremerhaven
auszeichnet, wieder zu stärken:
©Latz+Partner 2014
Latz + Partner ermunterte übrigens zu vorübergehenden Straßeneinschränkungen, um deren Wirkungen zu überprüfen, sowie zu ergänzenden Verkehrsgutachten. Das eine geschah nicht, das andere schon.
o 2015 gab es eine Studie des Gartenbauamts „von der Columbusstraße zum Columbusboulevard“, die eine Halbierung der Columbusstraße vorsah.
© Gartenbauamt
O 2016 wurde
von der Beratung + Management GmbH CIMA ein „Einzelhandelsentwicklungskonzept“ erstellt, das der Qualität der Betriebe in der Innenstadt insgesamt ein positives Bild bescheinigte. Interessant ist
der Vorschlag, die Innenstadt in Schwerpunktbereichen zu entwickeln. Der Vorschlag wurde nicht weiterverfolgt.
O 2017 legte
das Architekturbüro von Andreas Heller, das schon das Deutsche Auswandererhaus gebaut hat, einen Vorschlag zur Mittelbebauung der Columbusstraße vor, um die trennende Wirkung dieser
Autoverkehrsschneise aufzuheben.
©Architekturbüro Heller
2021 wurde im Auftrag der BIS (also de facto des Magistrats) und der Industrie- und Handelskammer Bremerhaven vom Ingenieurbüro BERNARD Gruppe ZT „als Vorbereitung für den städtebaulichen Wettbewerb“ ein Verkehrskonzept für „den erweiterten Bereich des Quartiers City Gate“ erstellt. Ziel war es, die „Trennwirkung der Columbusstraße zu vermindern und die Übergangszeiten der Fußgänger zu verkürzen“. Das Gutachten kommt zu dem Fazit, dass sie bei Aufrechterhaltung ihrer verkehrlichen Leistungsfähigkeit mit einem Flächengewinn von 8.100 qm „zu einer attraktiven Stadtstraße mit Promenaden-Charakter umgebaut werden“ kann.
Das bedeutet faktisch die Halbierung des Straßendurchschnitts und eine Einhausung der Autostraße unter der Galerie des Columbus-Centers.
o 2021 fand der von der
Agentur Urbanista moderierte umfangreiche Beteiligungsprozess „Innenstadt neu denken“ statt, der mit einem ganzen Bündel von Vorschlägen endete. Dabei werden nicht nur 20 von Bürgerinnen und
Bürgern genannte Maßnahmen mit unterschiedlichem zeitlichem Horizont aufgelistet, sondern in einer fachlich begründeten Einordnung auch drei „Starke Beiträge“. Das sind:
1. ein „neuer Anker“ (Ex-Karstadt): „Kaum ein Projekt symbolisiert den Wandel des Stadtzentrums in ähnlicher Weise. Die Realisierung einer zeitgemäßen Mischnutzung auf dem Karstadt-Areal hat das Potenzial zum neuen Highlight der Stadt und zur Signalwirkung für weitere Investitionen.“
2. ein „Bremerhaven-Haus“ (Hanse Carré): „Ein neuer Gemeinschaftsort rund um Wissen, Begegnung und Kommunikation kann einen fundamentalen und wirkungsvollen Beitrag zur langfristigen Entwicklung der Innenstadt leisten. Auch wenn das Projekt groß und komplex erscheint und sowohl ein neues Betriebsmodell als auch erhebliche öffentliche Mittel erfordert – sein Social Return kann erheblich sein.“
3. ein Stadtboulevard Columbusstraße: „Ohne eine Auseinandersetzung mit der Columbusstraße wird die Innenstadt ihre Potenziale nicht vollständig ausspielen können. Durch die immense Trennwirkung und die negativen Effekte auf die Raumwahrnehmung und die Raumqualität der Innenstadt behindert diese Verkehrsschneise einen sozialen und ökonomischen Wandel der Innenstadt eher, als dass sie ihn durch ihre Zubringerfunktion unterstützt.“ (Zitate aus „Innenstadt neu denken“)
Ausgangspunkt dieser Vorschläge war die Ankündigung des Verlegers der Nordsee-Zeitung Matthias Ditzen-Blanke, auf dem Karstadtgelände ein Medienzentrum mit Forumsfunktion errichten zu wollen. Aufgrund dieser in Aussicht gestellten bedeutenden privaten Investition (der Verleger sprach davon, mit dem Medienhaus an den Ursprungsort des Verlags zurückzukehren) wurde als Voraussetzung zur Realisierung dieses Vorhabens einzig und allein der Abriss des Karstadtgebäudes in den Blick genommen. In einer Gestaltungswerkstatt unter Teilnahme des Verlegers wurden dazu umgehend Details erarbeitet. Die politisch Verantwortlichen betrachteten einen Abriss von da an als einzige Möglichkeit, die Innenstadt weiterzuentwickeln. Doch der Verleger ließ seine Pläne stillschweigend verschwinden und tat so, als ob er ohnehin nie Interesse gehabt hätte.
Durch die aktuellen Entwicklungen (Stand Oktober 2024) gibt es sozusagen einen Tausch der Funktionen des „Neuen Ankers“ und des „Bremerhaven-Hauses“. Die mittlerweile alleinige Konzentration auf das Karstadtareal wirft allerdings zwei Probleme auf:
1. Das Hanse-Carré wird sich damit selbst überlassen. Für die südliche Innenstadt müsste folglich eine eigene Perspektive entwickelt werden. Es böte sich an, dass das projektierte Jugendgästehaus ins Hanse-Carré zieht. Dazu müsste es Gespräche des Jugendherbergsverbands mit der Eigentümerin des Hanse-Carrés geben.
2. Die Entlastung des Karstadtareals von der Nutzungsart Jugendgästehaus würde den Weg freimachen, die einer Klimastadt gut zu Gesicht stehende Revitalisierung des im Kern vorhandenen 50er-Jahre-Baus anzugehen. Den Stahlbetonskelettbau des Ex-Karstadtgebäudes nicht abzureißen, sondern zu erhalten, wäre spektakulär und könnte eine bemerkenswerte überregionale Aufmerksamkeit erzeugen. Eine zeitgemäße Nutzung als Stadtbibliothek+ wäre sicher denkbar, wie die Machbarkeitsstudie von SCHRAMMEL ARCHITEKTUR STADTPLANUNG von 2024 (s. u.) nahelegt.
o 2023 wurden als Folge des von Urbanista moderierten Beteiligungsverfahrens zwei Machbarkeitsstudien vorgelegt: eine zu einer von vielen Bürgerinnen und Bürgern geforderten Markthalle und eine andere für ein neues Jugendgästehaus. Während die Errichtung einer Markthalle nach dem Vorbild anderer Städte (z. B. Hannover) unter kommerziellen Gesichtspunkten skeptisch gesehen wird und allenfalls denkbar als Angliederung an ein Unternehmen der Nahversorgung, wird das Potential eines Jugendgästehauses als gut machbar eingeschätzt.
o 2024 wurde von SCHRAMMEL ARCHITEKTUR STADTPLANUNG eine Machbarkeitsstudie für eine in ihren Funktionen erweiterte Stadtbibliothek sowohl am Standort Hanse-Carré als auch in einem Neubau auf dem Karstadtareal erstellt. Neben der Untersuchung der Funktionen wird darin auch der dafür notwendige Flächenbedarf ermittelt. Aktuell nutzt die Stadtbibliothek 3.375 qm. Für eine Stadtbibliothek+ wären nach der Machbarkeitsstudie ca. 4.850 qm vonnöten.
o 2024 wurde die Konzeptstudie/ Potenzialanalyse für die „Anbindung der Innenstadt an die Havenwelten“, in der Bremerhavener Innenstadt vom Architektur- und Stadtplanungsbüro De zwarte Hond vorgelegt. Es kommt zu folgendem „Endmodell“, in dem verschiedene im Entstehungsprozess vorgestellte Vorschläge zusammengefasst sind.
© De zwarte Hond
So positiv viele Vorstellungen in der Studie sind, so negativ ist die wie aus dem Nichts entstandene Vorstellung einer Sichtachse zwischen Innenstadt (Große Kirche) und Havenwelten (Eingangsbereich van-Ronzelen-Straße), die höchstens im Grundriss vorhanden wäre. Abgesehen davon, dass eine allfällige Sichtachse selbst bei einem Abbruch des Nordbereichs des Columbus-Centers ausgesprochen schmal wäre, würde die begrüßenswerte weitere Begrünung auf dieser „Sichtachse“ eine wirksame Sichtbarriere, wie folgendes Foto aus der Perspektive unmittelbar vor dem ehemaligen Seeamt zeigt, und so die „Sichtachse“ ad absurdum führen.
© V. Heigenmooser
Da, von wem auch immer, ins Gespräch gebracht worden ist, dass es bei der Erhaltung eines Teils des Karstadtbaus nur um die Fassade des 1950er Jahre-Baus gehe, sei darauf hingewiesen, dass es um den gesamten Bau geht, einen Stahlbetonskelettbau aus den 1950er Jahre, der als Rohbau für einen Neubau insbesondere für eine in ihren Funktionen erweiterte Stadtbibliothek und gegebenenfalls für eine neue Jugendherberge genutzt werden könnte. Das wäre schließlich ökonomisch, ökologisch, zeitlich und ästhetisch ein beträchtlicher Gewinn für die Innenstadtgestaltung. Und es wäre eine Alternative zum Fall, dass nach einem gegebenenfalls tatsächlich realisierten Abriss dort nur eine mehr oder weniger ansehnliche Brache schlimmstenfalls über viele Jahre die Attraktivität der Bremerhavener Innenstadt kaum verbessern würde. Ob dann nach Leeuwardener Vorbild (s. Abschlussbericht De swarte Hond) mit einem temporären Wald mit riesigen Blumen- und Baumkübeln die Aufenthaltsqualität der zugigen Ecke an Attraktivität gewänne, sei dahingestellt; abgesehen davon, dass es keineswegs ausgemacht wäre, dass für einen solchen temporären Wald das Geld vorhanden wäre.
Bei einem genaueren Blick auf den Abschlussbericht des Büros De swarte Hond mit seinen vier Varianten sollte folgendes beachtet werden:
„Jedes Modell hat seine Vor- und Nachteile. Während der grüne Gürtel bei der Umfrage mittels Swipocratie in der Gegenüberstellung mit den anderen Elementen am besten abschnitt, wurde während der Workshops unterstrichen, dass nicht ein Modell gewinnen sollte.“
Das ist sozusagen alles Gedankenspielerei, wenn nicht eine Voraussetzung erfüllt wird: Der entscheidende Satz steht in der Beschreibung eines sog. Endmodells: „Ohne den Rückbau der Columbusstraße wird sich wenig ändern. Dafür ist die Barrierewirkung zu groß.“ Diesen Satz kann man nicht oft genug wiederholen und hervorheben. Hier müsste sich die Politik endlich mal erklären. Denn ohne, übrigens durch ein Verkehrsgutachten gut untermauert, einen deutlichen Rückbau der Columbusstraße sind die meisten Vorschläge zu Innenstadtgestaltung mit Verbindung zu den Havenwelten Makulatur.
Das Problem bei der Ausarbeitung von De swarte Hond ist/war, dass die Verwendung des 50er Jahre-Baus überhaupt nicht in den Blick gekommen wurde. Nur so konnten auf der Voraussetzung, dass auf dem Ex-Karstadt-Areal tabula rasa gemacht werden würde, die verschiedenen Modelle entwickelt werden. Ich bin mir sicher, dass für den Fall, dass das renommierte Büro De swarte Hond auch die Möglichkeit des „Altbaus“ als Rohbau in den Blick genommen hätte, neben den vorgeschlagenen Modellen bestimmt auch ein weiteres spannendes Modell vorgeschlagen hätte, denn langsam setzt sich ein ressourcenschonender Umgang im Bereich der Architektur durch. (vgl. aktuell z. B. die Ausstellung des DAZ zu DIE ABRISSFRAGE & POWER TO RENOVATION 14. März – 18. Mai 2025 in Berlin; außerdem die Gründung und Aufbau einer „Anti-Abriss-Allianz“: https://kulturerbenetz.berlin/anti-abriss-allianz/)
Wenn der Vertreter von De swarte Hond bei einer „Bürgerinformation“ am 27. 2. 25 offensichtlich nicht müde wurde zu erklären, dass die sog. Sichtachse von den meisten an der Bürgerbeteiligung Teilnehmenden gewünscht wurde, dann sollte man ins Grübeln kommen, wenn man sich folgende Teilnehmerzahlen vergegenwärtigt:
Ergebnisse Swipocratie (ca. 4000 Teilnehmende):
Ranking der Vorschläge (bitte auch die Gegenstimmen berücksichtigen!)
1. Einen grünen Gürtel um die Innenstadt mit Blick aufs Wasser (3448 vs. 27)
2. Die Columbusstraße sollte ein grüner Stadtboulevard werden (3018 vs. 716)
3. Eine breite Verbindung beim Eulenhof mit Sichtbeziehung zur Kirche (2956 vs. 763)
4. Im Hafenbecken sollte man Wassersport betreiben können (2453 vs. 1266)
5. Im Columbus Shopping-Center sollten die Geschäfte nach unten ziehen und die Parkebenen über den Geschäften eingerichtet werden (2065 vs. 1661)
Bei der Möglichkeit, Alternativen zu wählen, gab es folgende Ergebnisse:
· Wassersport vs. Grüner Gürtel (672 vs. 3085)
· Stadtboulevard Columbusstraße vs. Übergang Eulenhof (2477 vs. 1227)
· Übergang Eulenhof vs. Wassersport im Hafenbecken (2375 vs. 1331)
· Stadtboulevard vs. Grüner Gürtel Innenstadt (1094 vs. 2605)
· Stadtboulevard vs. Wassersport im Hafenbecken (2653 vs. 1036)
Votings aus Workshops, an denen max. 33 Personen teilnahmen (bzw. abgestimmt haben):
Modelle: Verbunden (Workshop 1: 4; Workshop 2: 8; Workshop 3: 3)
Konzentriert (Workshop 1: 7; Workshop 2: 18; Workshop 3: 8)
Erfrischend (Workshop 1: 4, Workshop 2: 2; Workshop 3: 7)
Erholsam (Workshop 1: 1; Workshop 2: 3; Workshop 3: 3)
Abgesehen davon hat De swarte Hond in seinem Abschlussbericht mehrfach hervorgehoben, dass die Workshopteilnehmenden gar keine eigentlichen Favoriten hatten, sondern eine Kombination aus den vier Modellen bevorzugten. Nebenbemerkung dazu: es gab keine Priorisierung nach Machbarkeit….
Und letztlich (in Wirklichkeit an erster Stelle): der finanzielle Aufwand für die verschiedenen Lösungen steht aktuell noch in den Sternen. Angesichts dessen würde mich schon interessieren, wie die politischen Akteurinnen und Akteure sich verhalten werden, wenn es die Möglichkeit gibt, mit der Nutzung des Altbaus als Rohbau zwischen 30 und 50 Prozent zu sparen.
Wer sich übrigens für die offizielle Position des Magistrats interessiert, sei auf diesen Link verwiesen:
Volker Heigenmooser, 20. 3. 2025
© V. Heigenmooser
Es ist gut, dass die Stadt nun die Planung für die Gestaltung des Areals um das ehemalige Karstadtgelände unabhängig von gelegentlich launischen Investoren selbst in die Hand nimmt.
Wie beim Bürgerdialog am 18. September 2024 erklärt wurde, sollen auf dem Karstadtgelände drei Ziele verwirklicht werden:
1. Stadtbibliothek als kulturelles Forum mit Vorbildern in Groningen und Århus
2. Jugendgästehaus
3. Sichtachse Havenwelten-Innenstadt
Gedacht ist, dass die Städtische Wohnungsgesellschaft (Stäwog oder eine ihrer Tochterfirmen) baut, die Stadt die Bauten für 30 Jahre mietet und somit den Bau finanziert.
Positionen
Während mit dem geplanten Abriss der Karstadt-Erweiterung aus den 1970er Jahren, die parallel mit dem Columbus-Center entstand, der historische Stadtgrundriss mit seiner rasterartigen Struktur ein Stück weit wiederhergestellt werden kann, würde mit der Anlage einer schrägen Achse durch den Stadtkörper die ansonsten rechtwinklig aufgebaute Struktur des Innenstadtraumes ohne Not und ohne Gewinn wieder zunichte gemacht (siehe Studie von Gerber Architekten und De zwarte Hond).
Wenn das nachvollziehbare Ziel stadtplanerischer Bemühungen darin besteht, die Innenstadt mit den Havenwelten zu vernetzen, dann müssen diese gewollten Verbindungen zwischen dem Alten/Neuen Hafen und der Innenstadt die vorhandenen stadträumlichen Strukturen, und das heißt hier eben insbesondere das rasterartige Blocksystem verstärken. Das kann nur gelingen, wenn die Ost-West-Verbindungen des Stadtgrundrisses auf Fußgänger- und Radfahrerebene verbessert werden.
Die Kreuzungspunkte dieser Ost-West-Straßen mit der Columbusstraße erhalten dabei eine besondere Bedeutung, wie Latz + Partner 2014 deutlich gemacht haben. Es muss möglich werden, im Erdgeschoss an der Columbusstraße bauliche Nutzungen mit Magnetwirkung anzubieten, die auf genau dieser Ebene, nämlich der Fußgängerebene ohne Treppen und Aufzüge leicht erreichbar sind.
Wenn es gelänge, den dem KfZ-Verkehr vorbehaltenen Straßenraum der Columbusstraße, wie in dem Gutachten vom Ingenieurbüro BERNARD Gruppe ZT 2021 vorgeschlagen, zu halbieren, könnte
a) ausreichend Straßenraum für Fußgänger und Radfahrer in den Nord-Süd- wie auch in den Ost-West-Achsen geschaffen werden
b) sich an den Kreuzungspunkten der Columbusstraße Gastronomie mit Blick auf den Alten/Neuen Hafen ansiedeln
c) die Straße durch Bäume ein völlig neues Gesicht erhalten und
d) sich somit schließlich die Columbusstraße zu einem für alle Bürgerinnen und Bürger wie auch für die Touristinnen und Touristen attraktiven Stadtraum, ja, zu einem Fenster der Innenstadt auf die Havenwelten und umgekehrt aus den Havenwelten in die Innenstadt mit der Oberen und der Unteren Bürger entwickeln.
Aus diesen Positionen ergeben sich folgende Forderungen:
1. Dringend erforderlich ist ein Konzept, das die gesamte Innenstadt bis zum Deich in den Blick nimmt. Das Mittel der Wahl ist dafür ein städtebaulicher Wettbewerb
2. Mit der Fokussierung auf eine „Stadtbibliothek+“ und ein Jugendgästehaus auf dem Karstadtgelände kann man leicht in eine Sackgasse laufen. Ins Auge gefasst werden müssen mindestens auch das Eulenhof- und das Finanzamtsgrundstück, die Columbusstraße sowieso, ganz zu schweigen von weiteren Ost-West-Achsen, wie von Latz + Partner 2014 vorgeschlagen. Betrachtet werden muss auch, welche Funktion die nach dem (Teil-)Abriss des ehemaligen Karstadtgebäudes wiederhergestellte Straße „Am Alten Hafen“ haben soll.
3. Für die Neugestaltung des Karstadtareals sollte in der geplanten Machbarkeitsstudie nicht nur der Totalabriss, sondern auch ein Teilabriss mit weitgehendem Erhalt des (1958 als damalige Architektur preisgekrönten) Stahlbetonskelettbaus untersucht werden. Denn moderner Stadtumbau muss sich an ökologischen und umweltfreundlichen Zielen orientieren. Dem stünden diametral ein Totalabriss des Karstadtkomplexes und an seiner Stelle Ersatzneubauten entgegen. Dadurch würden ungeheure Mengen an CO2 Emissionen freigesetzt, Ressourcen verbraucht und auch die baukulturelle, identitätsstiftende Kraft existierender Bauten wie dem 1950er Jahre Karstadtbau nicht genutzt. Eine Klimastadt Bremerhaven, wie immer wieder von unseren Entscheidungsträgern vorgetragen und im „Bremischen Klimaschutzgesetz“ (BremKEG 2022) beschlossen, sollte hier innovativ vorgehen. Also muss das Ziel Umbau statt Abriss sein. Die Nutzung des Stahlbetonskeletts als Rohbau für die Stadtbibliothek+ und gegebenenfalls für ein neues Jugendgästehaus würde die Neubebauung des Areals zeitlich erheblich verkürzen sowie finanzielle Vorteile schaffen.
Fazit:
Die Fixierung auf einen vollständigen Abriss des Karstadtgebäudes (und den damit verbundenen Fakten) schränkt die Perspektiven für dieses Areal und die Innenstadtentwicklung erheblich ein.
Deshalb dürfen bei einer Machbarkeitsstudie nicht nur die in Rede stehenden Projekte untersucht werden, sondern es müssen auch andere Möglichkeiten, wie z. B. eine schon angedachte Freifläche oder die innovative Nutzung des als Rohbau vorhandenen Stahlbetonskelettbaus in Betracht gezogen werden.
Solche Nutzungen und ihre Einbettung in die weitere Planung wären die wichtigsten Aufgaben eines Architektenwettbewerbs nach Vorliegen einer Machbarkeitsstufe.
Für den aus unserer Sicht notwendigen städtebaulichen Wettbewerb ist es entscheidend, wie die Wettbewerbsaufgabe formuliert und wie der Wettbewerb ausgelobt wird (Teilnehmerfeld, Preisgericht). Dabei sollte auf die Expertise der Fachausschüsse und Gremien in den Architektenkammern, Verbänden und Fachbehörden zurückgegriffen werden.
All dies muss transparent erfolgen, so dass sowohl die politischen Institutionen als auch interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie Beteiligte (neudeutsch: Stakeholder) diesen Prozess begleiten können.
Oktober 2024
Hedwig M. Binder, Rainer Donsbach, Hans-Joachim Ewert, Jürgen Grube, Silke Grube, Volker Heigenmooser